Kay Tewes über Förderbedarf und Zukunftsstrategien im ÖPNV

Kay Tewes, Geschäftsführer von geminiptc

In dieser Podcast-Folge spreche ich mit Kay Tewes, dem Inhaber von geminiptc, über die aktuellen Entwicklungen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Kay und sein Team beraten Verkehrsunternehmen bei der Einführung emissionsfreier Antriebe und neuer Ladetechnologien.

Ein zentrales Thema ist die unzureichende Förderkulisse, die viele Investitionen erschwert. Trotz niedrigerer Gesamtkosten über die Lebensdauer emissionsfreier Fahrzeuge fehlen oft die Anfangsinvestitionen. Kay erklärt, wie alternative Finanzierungsmodelle helfen könnten.

Besonders spannend ist die kleine Renaissance des Wasserstoffantriebs in speziellen Regionen, obwohl der Fokus auf batterieelektrischen Bussen bleibt. Der Technologietransfer und das Management von Ladezyklen, wie von der Berliner Verkehrsgesellschaft praktiziert, sind entscheidend.

Kay betont die Bedeutung des Change Managements, um Vorbehalte abzubauen und Mitarbeiter zu schulen. Insgesamt zeigt er sich optimistisch, sieht aber die Notwendigkeit politischer Unterstützung und ausreichender Fördermittel.

Lass uns nun direkt ins Gespräch starten.

Shownotes:

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Transcript

  1. Intro:

    Elektroauto News. Der Podcast rund um das Thema Elektromobilität. Mit aktuellen Entwicklungen, Diskussionen, Interviews und vielem mehr.

  2. Sebastian:

    Servus und herzlich willkommen bei einer neuen Folge des Elektroauto-News.net Podcast. Ich bin Sebastian und freue mich, dass du heute mit am Start bist. In der aktuellen Folge habe ich Kay Tewes zu Gast. Kai gibt uns Einblicke auf den Bereich des ÖPNV, wie dort der Wandel hin zu alternativen Antrieben vornehmlich Batteriebetrieben, aber auch eben mit Wasserstoff stattfindet, welche Herausforderungen, Chancen und Risiken es dort gibt und wie der Zeitplan da eigentlich ausschaut, ob die angestrebten Ziele eingehalten werden können oder woran das noch scheitern könnte. Wir gehen direkt rein in das Gespräch mit Kai. Viel Freude damit. Servus Kai, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit nimmst, dass wir hier miteinander sprechen. Wir haben ja unser Thema ÖPNV ausgewählt, was ja einfach daran begründet liegt, dass du in diesem Bereich unterwegs bist. Stell dich doch mal unseren ZuhörerInnen vor und was du aktuell machst.

  3. Kay Tewes:

    Ja, lieber Sebastian, erstmal vielen Dank für die Einladung, dass ich hier mich zeigen und präsentieren darf. Kein Thema ist mein Name. Ich bin Inhaber des Unternehmens geminiptc. Ich betreue Verkehrsunternehmen, Aufgabenträger und Zulieferindustrie von ÖPNV-Unternehmen. Also sprich Bus und Bahn, Straßenbahn, große Eisenbahn und berate sie eigentlich bei allen neuen Technologien, die sie aber schaffen. Großes Thema aktuell sind natürlich emissionsfreie Antriebe, ganz klar. Da sind wir seit 2018 ungefähr ganz, ganz weit dabei, neue Fahrzeuge zu beschaffen, neue Ladetechnologien, uns mit den Technologien auseinanderzusetzen und vor allem zu gucken, was hilft uns die nächsten 10 bis 15 Jahre weiter.

  4. Sebastian:

    Das hört sich auf jeden Fall spannend an und wird ja jetzt auch aktuell, also wir sehen es ja im Pkw-Bereich, ist ja auch so, ich sag mal, Wandel wieder hin und zurück von Verbrenner zu E-Auto und dann geht es wieder zurück. Erlebt ihr auch dieses Hin und Her im Moment oder scheint da die Richtung klarer in Richtung alternative Antriebe?

  5. Kay Tewes:

    Wir haben im Moment ein ganz großes Problem im ÖPNV, das ist schlicht und einfach die Förderkulisse, die uns vorgegeben wird. Weil ganz klar bei den ganzen Investitionen, die jetzt anstehen, bei emissionsfreien Fahrzeugen und bei der Ladetechnologie, sind wir schlicht und einfach auf Förderung durch Bund, Länder, europäische Förderung angewiesen. Diese Förderung gibt es aktuell nicht so, wie sie früher einmal waren. Und das ist im Moment eine Riesenherausforderung. Die erste Lieferung an emissionsfreien Fahrzeugen ist da. Ganz viele Hersteller haben auch schon gesagt, wisst ihr was, Leute, Dieselbusse produzieren wir gar nicht mehr. Jetzt erleben wir jedoch die Phase, in der alle sagen, wir haben eigentlich gar nicht genügend Geld, Fahrzeuge zu beschaffen. Wir müssen uns jetzt halt Alternativen überlegen. Und an der Position sind wir gerade.

  6. Sebastian:

    Das bezieht sich dann natürlich immer auf den Einstandspreis, also für den ich die Fahrzeuge sozusagen beziehe. Aber auf lange Sicht über die Lebensdauer ist es ja eigentlich so, Total Cost of Ownership, dass alternative Antriebe schon die bessere Wahl sind. Also jetzt aus meiner Sicht von den Batteriebetriebenen ist das so.

  7. Kay Tewes:

    Also wir haben, gibt es auch inzwischen sehr tolle Untersuchungen zu dem Thema, weil wir, wie gesagt, wir sind jetzt, 2018 haben die ersten großen Beschaffungsprojekte angefangen, bis die jetzt alle beschafft waren und in Betrieb waren, sind natürlich ein paar Jahre vergangen. Das heißt, wir reden jetzt über drei bis fünf Jahre, wo wir Erfahrungen sammeln konnten. Und wir haben natürlich festgestellt, dass natürlich über den Total Cost of Ownership ein emissionsfreies Fahrzeug wesentlich günstiger ist, also gerade bei den batterieelektrischen Fahrzeugen, als wenn man einen Dieselbus beschafft über die kompletten zwölf Jahre. Ganz klar. Das Problem, was wir haben, ist bei den Förderkulissen, dieser Investitionsblock, den wir von vornherein haben, den kriegt man als einen Busunternehmen, vor allem gerade wenn wir über die ländlichen Gebiete reden, da haben wir ja ganz viele private Busunternehmer, die kriegen von ihren Banken, von ihren Finanziers schlicht und einfach diese enormen finanziellen Mittel nicht zur Verfügung gestellt, um genau diese Fahrzeuge anzuschaffen. Denn wir reden ja, das ist ja kein Geheimnis, über den drei- bis vierfachen Preis eines Dieselbusses, den man für einen Elektrobus aufwenden muss und muss dann auch die Ladeinfrastruktur finanzieren.

  8. Sebastian:

    Wenn wir jetzt aber sagen, es ist ja eigentlich klar, dass wir um Faktor X günstiger sind über Lebenszeit mit alternativen Antrieb, in dem Fall Batteriebetrieben. Spielt das keine Rolle bei den Banken und Finanziers, dass man das mit einfließen lassen kann?

  9. Kay Tewes:

    Also ich glaube, da ist einfach die Sichtweise noch nicht so weit, weil man natürlich jetzt zum aktuellen Zeitpunkt sagt, ja. Da fehlen uns auch zu viele Zahlen. Wie gesagt, wir reden über drei bis fünf Jahre, die wir jetzt gerade im Rennen sind. Es gibt total ermutigende Zahlen, aber wir haben halt noch nicht diesen kompletten Lifecycle, den wir typischerweise im ÖPNV haben von zehn bis zwölf Jahren für ein Fahrzeug. Den haben wir einfach noch nicht durchgespielt. Ich glaube, mit der Erfahrung wären wir da schon wesentlich weiter.

  10. Sebastian:

    Das heißt ja, bei Umkehrschluss, wenn ihr 2018 angefangen habt, würden wir wahrscheinlich 2030 dann so mal das erste Mal hingehen, wo dann Banken sagen, jetzt haben wir Zahlen, Daten, Fakten auf dem Tisch und können das auch umsetzen.

  11. Kay Tewes:

    Genau, deswegen gehen auch inzwischen einige Aufgabenträger auch dazu, schon über andere Beschaffungsmodelle sich durchzuüberlegen. Also sprich, dass quasi der Aufgabenträger, die öffentliche Hand da in Vorleistung geht und quasi als Bankersatz dann halt fungiert und dann halt eine entsprechende Finanzierung sicherstellt. Da sind im Moment verschiedenste Konstellationen, die durchdekliniert werden. Wo da die Reise hingeht, ist allerdings auch völlig unklar.

  12. Sebastian:

    Spannend aber, das dann auch mal aus der Sicht zu sehen, dass da jetzt, ich sage ja auch mal, dann schlussendlich Banken, Finanziers ein Stück weit so der Hemmschuh sind, dass es da Schritte nach vorne gegangen werden können. Ich verstehe den wirtschaftlichen Hintergrund dahinter, dass man sagt, man muss da ein gewisses Risiko für die Banken abfedern. Auf der anderen Seite ist es natürlich komplett unbefriedigend für Logistik- oder ÖPNV-Unternehmen, die halt eben sagen, wir wollen eigentlich den Wandel vorantreiben, wollen was Gutes für die Umwelt tun, wollen aber vor allem natürlich auch auf lange Sicht günstiger und besser unterwegs sein.

  13. Kay Tewes:

    Aber das ist halt nochmal gerade der Status quo, an dem wir arbeiten.

  14. Sebastian:

    Bezieht sich das dann rein auf den batteriebetriebenen Ansatz oder ist Wasserstoff noch ein Thema? Weil ich sage mal im Pkw-Bereich ist ja Wasserstoff so gut wie erledigt. Wie ist es im ÖPNV?

  15. Kay Tewes:

    Wir erleben gerade witzigerweise oder interessanterweise eine kleine Renaissance der Wasserstoffbusse. Ausgelöst wurde das durch die Europataler Stadtverkehr, die ihrerseits gesagt haben, naja, bei unserer Topografie, das ist ja ein ganz enges Tal, in dem man fährt und müssen die Busse immer sehr, sehr steil hochfahren. Da sind batteriebetriebene Busse nicht optimal. Wir beschaffen jetzt Wasserstoffbusse. Da haben sich jetzt einige Verkehrsunternehmen mit drangehängt. Aus verschiedensten Sichtweisen. Ob das jetzt langfristig ein Modell für die Zukunft ist, weiß ich nicht. Also eigentlich haben sich bei uns alle auf batterieelektrische Busse eingeschossen.

  16. Sebastian:

    Das scheint ja in dem Fall dann aber auch so eine Art Sonderfall zu sein, so wie du eben sagst mit der Topografie und bestätigt ja aber eigentlich auch dann nochmal, wie sagt man, die Meinung der Mobilität an sich. Es wird halt nicht diese eine Mobilitätslösung geben, sondern es gibt halt verschiedene Antriebslösungen für den jeweiligen Zweck.

  17. Kay Tewes:

    Ja, also was wir halt auch merken, also die Lernkurve, die wir haben im ÖPNV, ist halt sehr, sehr steil. Also ganz klar, wir kommen immer mit 20, 30 Fahrzeugen und können dadurch natürlich sehr, sehr schnell lernen. Also gerade was zum Beispiel die Berliner Verkehrsgesellschaft hier einfach ein Know-how aufgebaut hat, ist schon sehr grandios. Also wir merken halt, Wie kann ich Ladezyklen ausnutzen? Also gerade wenn wir auf der Strecke Laden Gelegenheitslader haben, die an der Endhaltestelle nochmal eben schnell für 10 Minuten laden und dann einfach weiterfahren. Wie kann ich die betrieblich ganz anders einsetzen? Weil die lassen die einfach auf der Strecke zum Beispiel. Die fahren erst gar nicht mehr in den Betriebshof. Dadurch wird das Ganze effektiver. Die werden nur noch unterwegs geladen. Und dann heißt es so schön, wir fahren die so lange, bis die Busse halt wirklich dann auch mal gereinigt werden müssen. Und da sind schon wunderbare Umläufe von bis zu zwei Tagen rausgekommen. Also da kann man schon viel Positives im Moment berichten, was da passiert.

  18. Sebastian:

    Und ist das dann auch so eine Aufgabe von eurem Unternehmen oder von deinem Unternehmen, dieses Wissen, ich sage mal aus Berlin, dann in den Süden beispielsweise zu transferieren? Oder findet der Austausch eben schon von der BVG direkt statt?

  19. Kay Tewes:

    Also was wir machen, ist halt sehr viel Technologietransfer. Also ganz klar, ich bin der oder wir mit unseren ganzen Beratern, wir sind diejenigen, die sich das gesamte Wissen ansammeln. Also zum Beispiel, da haben wir 2018 eine große China-Rundreise gemacht, wo wir uns die ganzen Technologien angeguckt haben. Und was wir versuchen, ist natürlich dann halt dieses Wissen in den Markt zu bringen. Zu gucken, welches Unternehmen erfährt was. Welche Technologie wird angewendet? Welches Lademanagementsystem? Wie wird die Kopplung in der gesamten Energiebeerzeugungskette erstellt? Dann geht es hin, nicht nur das, wir müssen ja auch gucken, wie werden die Fahrzeuge in die Fahrgastinformationen integriert? Gibt es einen Abgleich zwischen dem Ladezustand und der Fahrgastinformation? Es kann ja sein, dass man schnell raus muss. Und der dann halt nicht mehr eingesetzt werden kann. Da muss ja die Fahrgastinformation entsprechend abgeändert werden und ein Ersatzbus bereitgestellt werden. Da sind ja auch ganz viele betriebliche Prozesse, die dahinter hängen und die müssen halt koordiniert und kombiniert werden. Und da sind wir halt diejenigen, die... die mit den Softwareherstellern vor allem von den ganzen Systemen, Betriebsleitsysteme, Energiemanagementsysteme, Lademanagementsysteme zusammenarbeiten und diese entsprechenden Technologien dann halt auch erstellen. Also sprich, das geht ganz klassisch los beim Anforderungsmanagement, Lastenhefte erstellen, Wird auch sehr viel agil gearbeitet, Pflichtenhefte, Software dann halt erstellen lassen. Da gibt es wunderbare oder gab es wunderbare Projekte und die dann halt auch in Betrieb zu nehmen und halt auch produktiv zu bringen.

  20. Sebastian:

    Da verbindet ihr jetzt eben auch wieder die Stärke, so wie du ja eingangs gesagt hast, ihr seid jetzt nicht nur im Bereich ÖPNV zuständig, sondern ihr kommuniziert eben auch direkt mit dem Gegenpart aus der Industrie, Software und Hardware.

  21. Kay Tewes:

    Genau, also ich sehe unser Projekt immer von beiden Seiten, sowohl auf der Industrieseite als auch auf der Seite der Verkehrsunternehmen. Das ist, glaube ich, etwas, was uns von vielen Beratern unterscheidet, weil die Berater sich in Deutschland typischerweise immer auf die Seite der Verkehrsunternehmen oder Aufgabenträger stellen. Ich aus meiner Historie heraus habe halt auch ganz viel in der Softwareindustrie gearbeitet. Deswegen kenne ich diese Seite halt auch sehr gut. Aber ich habe halt auch beim Verkehrsunternehmen gearbeitet. Und deswegen bin ich mal ein sehr guter Vermittler, was auch gerade die Anforderungen aus dem Betrieb angeht. Also ganz klar, so ein Werkstattleiter, der hat natürlich ganz andere Anforderungen und kann die teilweise natürlich einem Softwareentwickler nicht wirklich hundertprozentig erläutern, was er da benötigt. Und da sind wir in der Mitte und sind halt der Mittler, der zwischen diesen Parteien versucht, die Projekte weiterzuentwickeln.

  22. Sebastian:

    Quasi eine Art Dolmetscher, der dann quasi die Expertise ein bisschen einfacher verpackt und also in beide Richtungen dann, weil ja doch sehr spezifisch wahrscheinlich kommuniziert wird in den jeweiligen Themen.

  23. Kay Tewes:

    Ja, man muss halt auch sehen, die Technologien sind natürlich auch sehr komplex geworden. Das ist etwas, das war natürlich früher bei einem Dieselbus etwas ganz anderes. Bei einem Dieselbus, das hatte jeder im Griff, ein sehr simples Gerät, das konnte jede Fahrzeugwerkstatt, hatte da ihre Spezialisten, die kannten das Fahrzeug in- und auswendig. Das gibt es ja heutzutage gar nicht mehr. Zum einen wegen des Personalmangels. Die Verkehrsunternehmen haben schlicht und einfach diese Experten gar nicht mehr. Und zum anderen, weil die Systeme natürlich einfach viel, viel komplexer sind, als sie noch vor 20 Jahren zum Beispiel waren. Und man muss heutzutage eine ganz andere Manpower aufbauen, um solche Projekte umzusetzen. Also das ist halt auch unser Learning aus den ganzen letzten Projekten. Auch ein Softwareprojekt bekommt man halt nicht mehr wie früher mit zwei oder drei Entwicklern hin. Das letzte, was ich hatte, da hatten wir fünf Scrum-Teams, die über die Welt verteilt waren und da haben wir nichts anderes gemacht, als genau diese Ankopplung zu schaffen zwischen einem Elektrofahrzeug für ein Verkehrsunternehmen und deren Betriebsleitsystem. Das sind so die Dimensionen, um die sich das potenziert hat.

  24. Sebastian:

    Also es ist eben nicht einfach nur damit getan, zu sagen, okay, der Dieselbus, der wird hier mal verschrottet und wir stellen einen E-Bus hin und dann läuft das.

  25. Kay Tewes:

    Nein, also wir müssen ganz viel Change Management machen. Also das ist ganz klar. Ich meine, man muss ja auch ganz viele Vorbehalte abräumen. Also Kennt ja jeder die Stichworte, Reichweitenproblematik, all der ganze Kram. Das schlägt dann aber auch ganz schnell um. Sobald also erstmal ein Fahrer mit den Fahrzeugen fahren kann und sieht, wie toll die Fahrzeuge fahren, gehört ja auch zur Geschichte, dann sind die sofort begeistert. War bisher unisono jedes Mal so. Aber an diesem Punkt muss man sie erstmal bringen. Und man muss sie natürlich daran gewöhnen, dass sie wirklich sehr stark aufs Lademanagement achten müssen und das halt auch einhalten. Und das sind so die Prozesse, die wir halt betreuen und wo wir halt auch mit den Verkehrsunternehmen halt mitgehen.

  26. Sebastian:

    Ich denke oder ich weiß gerade dieses Change Management, das haben wir ja im Kleinen sozusagen beim PKW, wo ich auch sage, jeder, der sich mal reinsetzt, der baut eben auch diese Vorurteile ab und bekommt das auch hin. Laden ist dann natürlich eine Hausnummer einfacher, einfach nur Stecker rein. Zielt das auch darauf hin ab oder siehst du Entwicklungen dahin, dass das Lademanagement auch ein Stück weit vom Faktor Mensch dann entkoppelt wird? Weil du kannst das ja auch nicht immer erwarten, sage ich mal, von dem Personal, dass die das auch mit der Liebe oder mit der Hingabe machen, wie das vielleicht vonnöten wäre.

  27. Kay Tewes:

    Das wird komplett entkoppelt, ganz klar. Dafür gibt es hochentwickelte Betriebshof-Management-Systeme, die genau das machen, die wirklich genau vorgeben, welches Fahrzeug wann wie geladen wird. Also weiß man ja selber, Stromnetzbelastung, alles diese Geschichten. Aber da sind natürlich noch ganz andere Faktoren im Hintergrund, die man beachten muss. Zum Beispiel, wie viele Fahrzeuge fahren morgens früh raus? In welchem Ladezustand müssen sie sein? Wie viele Umläufe fahren die? Bis wann werden sie benötigt? Wann können wir sie da reinholen? Das sind so Faktoren, die man damit einfließen lassen muss. Und das kann man ab einer bestimmten Betriebsgröße einfach gar nicht mehr überblicken. Und das ganze Thema geht noch weiter. Ich habe halt einen Verkehrsbetrieb oben in Mecklenburg. Ganz tolles, innovatives Unternehmen. Die haben da natürlich ganz viel Windkraft und Solarenergie. Und nutzen die, haben ihre Fahrzeuge an der Strombörse angemeldet und haben gesagt, ist ja super, wir tanken unsere Fahrzeuge nur dann, wenn der Strom billig ist. Und das funktioniert für die hervorragend. Und das sind so die Zukunftsmodelle, wo wir versuchen, die Verkehrsunternehmen halt hinzubringen.

  28. Sebastian:

    Also dass man da quasi auch dann nochmal einen Vorteil holt, weil ich sag mal beim Diesel hast du es natürlich nicht so einfach, da musst du tanken, wann du tanken musst an der Tankstelle sozusagen, kannst du das ein bisschen steuern, wenn du die Tanks bei dir auf dem Unternehmensgrundstück hast, aber da hast du wahrscheinlich schon eher die Vorteile, Kostenvorteile auch dann bei der Energiebeschaffung an sich über so Strombörsen.

  29. Kay Tewes:

    Und ich denke mal, das wird auch das Modell der Zukunft sein mit den Strombörsen. Denn auch, es gibt natürlich, klar, bei der Berliner Verkehrsgesellschaft, da fahren die Busse sehr, sehr viel, da hast du wenig Chancen, die auf dem Betriebshof zu erwischen. Aber es gibt genügend ländliche Verkehrsunternehmen, die fahren dann typischerweise morgens, machen die diesen Schülerverkehr, fahren morgens um 8 Uhr raus, drehen eine Runde, sind um 10 Uhr erstmal wieder auf dem Hof. Von der Nachmittagsrunde nochmal und das war es auch mehr oder weniger. In der gesamten restlichen Zeit stehen die Fahrzeuge. Das heißt, du kannst hier wunderbar einen Zwischenspeicher benutzen in der Zeit. Und das ist natürlich ein Riesenasset, mit dem du handeln kannst. Und das, was die da in Ludwigslust-Parchen gerade machen, ist einfach vorbildhaft. Also er hat eine Präsentation, er hat Strompreise von bis zu minus zwei Cent pro Kilowattstunde erreicht, weil er natürlich sagt, ich nehme euren Strom, völlig egal wann. Ich habe meine Fahrzeuge da stehen, packt es da rein, aber ich gebe euch auch den Strom gerne ab. Und gerade diese Riesenflotten bieten natürlich einfach auch das Potenzial, genau das zu tun. Und das wird sicherlich auch gerade für die ÖPNV-Welt genauso ein Thema für die Zukunft sein.

  30. Sebastian:

    wo du ja schlussendlich dann auch wieder so ein Stück weit Finanzierungshebel dann hast, wenn da wieder Einnahmen erzielt werden können, wenn du das Spitzenkappen ein Stück weit betreiben kannst und daran eben mitverdienst. Also da kommt ja nochmal ein ganz anderer Business Case dann natürlich auf.

  31. Kay Tewes:

    Ja, natürlich. Und das sind so die Sachen, die wir jetzt also nach und nach identifizieren. Also ich sage ja immer, wir hatten das Glück, mit der ÖPNV-Welt durch diese ganze Förderung zwei Jahre früher loslegen zu können. Und wir entdecken halt alles gerade solche Themen. Was ist jetzt eigentlich alles möglich mit unseren Busse, mit unseren emissionsfreien Bussen und können das dann natürlich transferieren dann halt irgendwann in die IV-Welt. Das ist halt schon schön zu erleben. Also gerade was so Lernkurven angeht, das hat hier gerade schon mal gesagt, die ist halt extrem steil.

  32. Sebastian:

    Das glaube ich auch für dich dann persönlich, dass du da echt viel neues Wissen ansammeln kannst und dann ja auch in der Umsetzung von so einer Art Pionierrolle mit reingehst, wenn das vorangetrieben wird. Für mich wäre jetzt natürlich noch interessant, gibt es Ziele vom Bund, aus euren Umfeldern, wo man sagt, okay, eine gewisse Grade Elektrifizierung sehen wir in den nächsten 15, 15 Jahre?

  33. Kay Tewes:

    Es gibt, ich meine, die allgemein bekannten Emissionsziele, die wissen wir ja halt alle. Also ganz klar. Weshalb es jetzt gerade mit dem Thema Förderungen stoppt, können, glaube ich, die wenigsten beantworten. Ich meine, da sind viele Themen dazwischengekommen, diverse Krisen, dann kam das Deutschlandticket, alles diese Geschichten. die Ziele, die wir jetzt erreichen müssen, werden wir nur mit einer weiteren Förderung schaffen. Also ganz klar. Weil einfach diese Investitionen aufgrund der aktuellen Haushalte, ich glaube, das geht halt auch überall durch, einfach im Moment nicht stemmbar sind. Und das ist halt die große Herausforderung, vor der wir jetzt gerade stehen. Wir haben zwar eine tolle Flotte, aber eigentlich ist ja das Ziel, 100% emissionsfrei zu fahren. Und rein theoretisch könnten wir jetzt einfach jedes Jahr, keine Ahnung, 10 Prozent der Flotte erneuern. Emissionsfreie Fahrzeuge sind wir in 10 bis 12 Jahren durch mit der ganzen Nummer, wir sind fertig. Und dass das jetzt gerade stockt, das ist glaube ich auch etwas, was auch gerade bei den Verkehrsunternehmen viele Leute auch einfach nervt.

  34. Sebastian:

    Klar, vor allem, weil die können es ja nicht direkt steuern. Sie sehen ja die Vorteile auf ihrer Seite, könnten ja von Total Cost of Ownership von Niedrigeren dann schon frühzeitig profitieren, je früher die Fahrzeuge auf die Straße kommen. Und vor allem, so wie du sagst, man verschenkt ja mit jedem Jahr dann auch wieder nach hinten raus die Zeit und die Ziele werden dann schwerer erreichbar, weil die Bushersteller werden ja auch irgendwo in ihrer Produktionsgröße ein Stück weit gedeckelt sein und können da dann auch nicht auf einen Schlag hunderte bis tausende Busse auf die Straße bringen, gehe ich von aus.

  35. Kay Tewes:

    Ich höre jetzt aus. Also wir reden über Marken, um mal ein paar Zahlen zu sagen. Also im Jahr werden in Deutschland 5000 neue Busse beschafft. Das ist so ungefähr die Größe, über die wir reden. Und darauf richten sich halt alle Hersteller aus. Und wie gesagt, es gab schon den einen oder anderen Hersteller, der gesagt hat, ab nächstem Jahr produziert keine Dieselbusse mehr. Wofür? Es gibt keinen Markt mehr. Ob das hier jetzt im Moment unter den aktuellen Bedingungen noch so haltbar ist, weiß ich nicht. schwierig zu beurteilen. Aber klar, es kann natürlich auf der anderen Seite auch kein Verkehrsunternehmen sich aktuell die Blöße geben, jetzt wieder Dieselbusse zu kaufen. Das werden sie auch nicht tun. Also werden wir jetzt ein Beschaffungsgap wahrscheinlich erleben. Und das ist eigentlich nicht zielführend.

  36. Sebastian:

    Und das Beschaffungsgap, habe ich jetzt verstanden, können wir eigentlich nur überbrücken, wenn wir sagen, okay, Politik gibt jetzt Gas, Subventionen raus und dann wird das überbrückt.

  37. Kay Tewes:

    Ganz genau. Also ja, das ist halt der Punkt.

  38. Sebastian:

    Das ist natürlich ein Stück weit bitter, vor allem wenn man dann so abhängig ist von einem äußeren Faktor und das dann nicht unbedingt alleine stemmen kann. Nichtsdestotrotz, wie sind deine Aussichten in die Zukunft? Wenn wir sagen, wir kriegen das jetzt gestemmt, kriegen wir das dann sauber abgebildet? Wir haben ja vorhin schon das Thema Strom gehabt, wenn man das vernünftig steuert. Ich könnte mir vorstellen, wenn der ÖPNV weiter und stärker elektrifiziert wird, Rückt das natürlich auch nochmal bei dem Otto-Normal-Verbraucher mit auf die Agenda und er sieht das und dann kommt wieder das Thema Strom aus, Blackout und die ganze Geschichte. Ist das ein Thema, wo man sich Sorgen drum machen muss oder eher nicht?

  39. Kay Tewes:

    Das Schöne ist ja, an dem Thema Stromlieferung verdienen ja ganz, ganz viele Leute Geld. Und dadurch gibt es sehr viele coole Untersuchungen zu dem Thema, kann ich allen empfehlen. Vor allem RWE ist da ganz groß. Die das ja auch genau ausgerechnet haben. Was heißt das jetzt eigentlich? Es gibt ja so eine Zahl, in den nächsten zehn Jahren wird sich unser Stromverbrauch ungefähr verdoppeln. Nicht nur wegen dem Thema Mobilität, sondern halt auch Wegen der Heizungen, wegen der ganzen Server, die halt neu installiert werden, alles diese Themen. Es gibt halt viele Treiber, die Stromverbrauch schlicht und einfach verdoppeln werden. Ist ein Fakt, die Leitungen werden ausgebaut. Wir haben im Moment eh, es wird Solarenergie ohne Ende gebaut, es wird Windenergie jetzt endlich wieder gebaut. Also insofern glaube ich nicht, dass wir da in eine Energiekrise reinkommen werden. Und andersherum, das, was ich gerade schon sagte, ich glaube, dass diese Zwischenspeicher-Idee gerade im ÖPNV, dadurch, dass wir halt einfach große Speicher haben werden, da auch noch einfach weiter unterstützen wird.

  40. Sebastian:

    Also eigentlich eher ein sehr positiver Ausblick. In dem Zusammenhang würde mich noch interessieren, ich habe das schon gesehen, es gibt ja auch PV-Module, die mittlerweile auf ÖPNV, auf Bussen mit drauf sind. Ist das zielführend oder ist das eigentlich eher so ein bisschen Makulatur?

  41. Kay Tewes:

    Da muss man sich halt mal ausrechnen, was das für den Tag heißt. Also bei dem Energiebedarf, den so ein großer Bus hat. Aber da bin ich raus bei den Zahlen, da weiß ich nicht genau, ob das so funktionieren kann. Da habe ich auch schon mal drüber nachgedacht, ob das Sinn macht oder nicht. Ob sie nachher das Gewicht das alles wieder auffrisst, keine Ahnung.

  42. Sebastian:

    Stimmt, du hast ja nicht nur die Effizienz von den PV-Modulen, du hast ja auch das Mehrgewicht, was sich dementsprechend wieder auf den Verbrauch auswirkt. Das ist ein Thema. Dann nehme ich das mal mit und schaue, ob ich da jemanden finde. Dir auf jeden Fall, Kai, schon mal vielen Dank für den Überblick, den wir jetzt hier bekommen haben auf die ÖPNV-Entwicklung. Und ich bin mir sicher, wir tauschen uns dazu zu einem späteren Zeitpunkt nochmal aus, wenn wir ein paar Schritte weiter sind und hoffentlich die Förderung hier sehen, damit der Absatz wieder hochgeht.

  43. Kay Tewes:

    Ja, da hoffe ich auch mal drauf. Besten Dank.

  44. Sebastian:

    Das war sie mal wieder, die aktuelle ERN-Folge mit einem spannenden Thema, dem ÖPNV oder der Elektrifizierung des öffentlichen Personalnahverkehrs. Ich denke, man konnte einiges aus dem Gespräch mit Kai mitnehmen. Ich hoffe es doch auf jeden Fall und freue mich, wenn du kommende Woche bei der nächsten ERN-Folge wieder einschaltest. Mach's gut, bis dahin, ciao.