Gendergerechte Mobilität und was es damit auf sich hat

Im Gespräch mit Meike Wenzel von accilium

Gemeinsam mit Meike Wenzel von accilium, spreche ich in dieser Folge des Elektroauto-News Podcast über gendergerechte Mobilität. Meike gibt hierbei zu verstehen, dass Geschlechterunterschiede starken Einfluss auf Mobilitätsmuster haben und traditionelle Lebensmodelle von Männern und Frauen zu strukturellen Problemen in der Mobilitätsplanung führen. Männer folgen oft einer linearen Mobilität (Arbeit – Heim – Einkaufen), während Frauen komplexe Wegeketten haben, die durch zusätzliche Verantwortlichkeiten wie Familienversorgung geprägt sind. Diese Komplexität wird in der aktuellen Mobilitätsplanung nicht ausreichend berücksichtigt.

Die Folge von Corona, wo viele Frauen in Teilzeit gingen oder ihre Jobs kündigten, hat die Komplexität der weiblichen Mobilität weiter erhöht. Sie kritisiert, dass die Elektromobilität, die ursprünglich als saubere und praktische Lösung für Frauen beworben wurde, nun überwiegend von Männern genutzt wird, und dass die Ladeinfrastruktur oft nicht auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmt ist, was ihre Beteiligung an der Elektromobilität behindert.

Dabei ist die Tatsache spannend, dass sie betont, dass Frauen nachhaltigere Mobilitätsentscheidungen treffen und bereit sind, für passende Lösungen mehr zu zahlen. Das Unternehmen TIER wird als positives Beispiel genannt, das mit frauenspezifischen Angeboten wie Moped-Praxistrainings die Kunden-Basis erweitern konnte. Im Detail versteht dies Meike natürlich noch wesentlich greifbarer zu erläutern. Insofern am besten hineinhören, in die aktuelle Folge.

Shownotes:

Edit speaker mapping

Change displayed names for speaker IDs in this transcript.

Transcript

  1. Intro:

    Elektroauto News. Der Podcast rund um das Thema Elektromobilität. Mit aktuellen Entwicklungen, Diskussionen, Interviews und vielem mehr.

  2. Sebastian:

    Servus und herzlich willkommen bei einer neuen Folge des Elektroauton News.net Podcast. Ich bin Sebastian und freue mich, dass du heute wieder eingeschaltet hast, wenn es um das Thema E-Mobilität geht. In der aktuellen Folge richten wir das Thema aus auf den Fokus gendergerechter Mobilität, warum es denn einen Unterschied macht, ob ich Mobilität aus Sicht eines Mannes oder einer Frau denke und warum der Mann eigentlich der Hindernisgrund für den Mobilitätswandel ist. Für diese steile These habe ich mir Meike Wenzel von accilium zu Gast geholt, die eben genau dieses Thema im Arbeitsalltag betrachtet, aufzeigt, warum das E-Auto nicht schon viel früher Erfolg hatte und was man eben verändern kann, damit das E-Auto doch den Durchbruch hat, beziehungsweise auch Mikromobilität oder Mobilität im Allgemeinen. Genug der Vorworte, wir gehen direkt rein ins Gespräch mit Maike. Hi Maike, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit nimmst, dass wir uns ein wenig über das Thema Mobilität unterhalten und die Rolle von Mann und Frau in dieser ganzen Geschichte. Ich muss immer noch überlegen, wie ich die Überleitung gleich hinbekomme, aber bis dahin lass mir noch ein wenig Zeit, stell du dich doch gerne mal selbst vor und auch das Unternehmen, für das du tätig bist.

  3. Maike Wenzel:

    Vielen Dank, Sebastian. Ich freue mich wirklich sehr, heute dabei zu sein, dass du mich eingeladen hast, um vor allem auch über gendergerechte Mobilität, also wirklich so diese, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Mann und Frau, weibliche, männliche, gelesene Mobilität, darüber zu sprechen und auch, warum es so wichtig ist, dass wir das beachten, wenn wir die Mobilität der Zukunft gestalten wollen. Vielleicht bevor wir da rein starten und ein bisschen rumnerden über Mobilität, zu mir ein paar Key Facts. Mein Name ist Maike Wenzel und ich bin Managerin bei Axilium. Und Axilium ist eine Managementberatung, die mit dem Kerngedanken ständiger Weiterentwicklung als Schlüssel zum Erfolg gegründet wurde. Und dabei beschäftigen wir uns sehr stark eben mit der Beschleunigung der Mobilitätswende und das ist tatsächlich auch unsere Mission. Und das machen wir unabhängig davon, ob wir jetzt traditionsreiche Unternehmen beraten oder junge, aufstrebende Unternehmen. Wir machen uns dabei immer die Möglichkeit, der Digitalisierung zu nutzen, gestalten die Transformation unserer Kunden und auch nicht nur so, dass wir sagen, hier, das und das und das könntet ihr machen, sondern wir gehen auch wirklich direkt in die Implementierung mit rein und gestalten damit eben gleichzeitig auch aktiv die Mobilitätswende. Und ich selbst beschäftige mich innerhalb von Axelium sehr stark mit den Themen digitale Transformation und mit dem Bereich Customer Centricity, in dem auch das Thema gendergerechte Mobilität und inklusive Mobilität eben angesiedelt sind. Und deswegen sind wir auch hier jetzt zusammengekommen, weil wir uns ja im September auf einer Veranstaltung, auf einem Summit getroffen haben, wo ich darüber gesprochen habe.

  4. Sebastian:

    Schöne Überleitung und da hattest du ja damals auch schon das Thema gendergerechte Mobilität mit an den Start gebracht, das mit Zahlen, Daten, Fakten und der Maut und ich dachte mir, ja ist bestimmt nicht so die Hauptzielgruppe bei uns hier im Podcast, aber ist definitiv ein interessantes Thema, was auch einfach gehört werden muss oder gehört werden soll. Bevor wir da eintauchen, vielleicht magst du gendergerechte Mobilität mal ein Stück weit einordnen, damit die ZuhörerInnen auch wissen, um was es denn hier geht.

  5. Maike Wenzel:

    Wenn ich von gendergerechter Mobilität spreche und nicht nur ich, sondern an sich alle Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, alle Menschen, die sich damit beschäftigen, sprechen wir immer darüber, dass der Faktor Gender einen massiven Einfluss auf unsere Bewegungsmuster und auf unsere Mobilität hat. Und der Begriff Gender bedeutet hier nicht unbedingt immer Geschlecht, sondern einfach alles, wofür das Wort Gender spricht. Und das, was wir jetzt besprechen werden, sind auch keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse. Das weiß man schon sehr lange, schon seit Jahrzehnten ehrlich gesagt. Und der Hauptgrund für diese gendergerechte Mobilität liegt vor allem in der unterschiedlichen Bewegung von Frauen und Männern, wie sie sich im Alltag bewegen, wie ihre Mobilität ist. Und das hängt mit den unterschiedlichen Wegeketten zusammen. Und So wie momentan in der Mobilität alles geplant wird, orientiert man sich tatsächlich gerade noch sehr stark an den stereotypischen Lebensvorstellungen von Mann und Frau und das ist damit dann auch ein strukturelles Problem. Ich mache mal ein Beispiel. Wir stellen uns einen idealtypischen Mann vor, keine Ahnung, Udo. Udo fährt morgens zur Arbeit im Auto und am Abend wieder zurück und vielleicht geht er noch einkaufen. Und man spricht hier dann von sogenannten primären oder linearen Wegen, weil nämlich die Mobilität von Udo genau einen Zweck hat. Er möchte zur Arbeit kommen, er fährt nach Hause und eventuell geht er noch einkaufen. Die Mobilität von Frauen ist deutlich komplexer. Und es liegt daran, dass die idealtypische Frau immer noch neben ihrem Vollzeit- oder Teilzeitjob die Versorgung der Familie übernimmt. Und das ist einfach das, was sich stereotypisch in den letzten Jahren einfach so eingebürgert hat und nachdem man immer noch so ein bisschen lebt. Und während Corona hat sich dieses Problem in Anführungszeichen tatsächlich noch verstärkt, weil dann sehr viele Frauen einfach gesagt haben... ich gehe jetzt in Teilzeit oder ich kündige meinen Job und sich dann der Care-Arbeit gewidmet haben. Und auch das zum Beispiel im konkreten Beispiel, nehmen wir mich selbst zum Beispiel, ich habe zwar keine Kinder, aber nehmen wir mal an, ich hätte Kinder, ich hätte eine Familie, dann bringe ich zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit die Kinder in die Schule, fahre noch bei meinen Eltern vorbei, bringe meinen Vater zum Arzt, hole ihn wieder ab, fahre nach Hause, gehe dann nach der Arbeit einkaufen, hole mein Kind ab, fahre es vielleicht zu einer Freizeitaktivität, fahre vielleicht nochmal bei meinen Eltern vorbei und fahre dann erst wieder nach Hause und irgendwann zwischendrin hole ich mein Kind noch ab. Und hier spricht man dann eben von sogenannten Wegeketten, die dann bei der Frau deutlich kürzer sind oder bei weiblicher Mobilität deutlich kürzer sind. Und die Bewegungen haben eben nicht nur einen bestimmten Zweck, sondern verschiedene Wegezwecke. Und das ist so diese ganze Komplexität in der gendergerechten Mobilität, weil diese Komplexität nicht immer komplett mit berücksichtigt wird.

  6. Sebastian:

    Ist ja auch ein Stück weit schwieriger. Also ich hoffe, unsere ZuhörerInnen konnten das jetzt ein Stück weit nachvollziehen. Aber es leuchtet ein, wenn ich einfach nochmal reinhöre oder nochmal nachhöre. Aber wo zeigt sich jetzt die Auswirkung tatsächlich? Also in der Mobilität, dass wir es mal noch in die Praxis überführen. Natürlich haben wir unterschiedliche Wege. Wenn ich jetzt einen Udo nehme, der fährt beispielsweise mit seinem E-Auto von daheim zur Arbeit, kann das acht Stunden dort stehen lassen, lädt das vielleicht dann noch am AC-Lader, dann passt das. Wenn du jetzt Maike bist, die ihre Kinder wegbringt, ihrem Papa noch wohin fahren muss, dann noch einkaufen geht, dann fehlt ja da wahrscheinlich schon in dieser Betrachtung die Möglichkeit, dass du eben gar nicht acht Stunden an einem Platz stehst, sondern du bist ständig irgendwo unterwegs, hast gar nicht diese Ruhezeiten für dein Fahrzeug, um das zu laden und wärst dann wahrscheinlich eher die typische Kundin, die am Abend ihr Fahrzeug laden würde. Also das ist dann quasi diese Erkenntnis, die ich aus einer gendergerechten Mobilität, wenn ich sie aus dieser Brille betrachte, herausziehen würde.

  7. Maike Wenzel:

    Genau, also so wie momentan die Elektromobilität gesehen wird, ist das tatsächlich so. Und wenn wir jetzt das... den Begriff gendergerechte Mobilität mal auf die E-Mobilität transferieren wollen, würde ich ganz kurz ein bisschen weiter ausholen, damit alles das, was ich sozusagen zu sagen habe, verständlich ist. Was für mich immer ganz witzig ist, und das wird vielleicht einige überraschen, oder diejenigen, die sich sehr stark im Bereich Automotive aufhalten, die wissen das auch, dass Elektroautos, die wurden ja so um 1900 oder so, sind ja erfunden worden, sogar noch weit vor dem Verbrenner. Und das, was du gerade gesagt hast, also die wurden eigentlich ja maßgeschneidert für weibliche Bedürfnisse beworben. Das ist ein sauberes Auto, das war damals noch sehr viel günstiger, es ist leise, ohne lästige Vibrationen eines Verbrennungsmotors und vor allem... absolut ausreichend für die Wege, die die Frau zurücklegt. Weil, was ich eben ja schon gesagt habe, ihre Sphäre, ihr Aufgabenbereich war der häusliche Bereich. Und die Welt da draußen, die war für die Männer. Der Mann war verantwortlich für Brot und Geld und hat die Familie ernährt. Und die konnten sich dann ruhig schmutzig machen. Die konnten dann mit dem dreckigen Verbrenner rumfahren. Und damals gehörte es sich einfach nicht, dass Frauen sich schmutzig machen, weil... Ja, das war einfach nicht das Bild, was man von einer Frau hatte. Und deswegen wurden die Elektroautos damals auch nur belächelt, weil die können nichts, die sind absolut unmännlich, die haben keine auseifernde Technik. Und wir haben uns vorhin schon mal kurz unterhalten und das ist vielleicht auch ganz interessant für die ältere Generation deiner Podcast-Hörer. Es gibt eine Simpsons-Folge, in der es sich eben über Elektroautos lustig gemacht wird. Da sitzen dann Huma und Bart in so einem Elektroauto und das fährt so rum und so eine ganz robotische Stimme sagt so, Hallo, ich bin ein Elektroauto. Ich bin nicht sehr schnell und ich kann auch nicht sehr weit fahren. Eigentlich kann ich gar nichts. Und das hat sich ja dann quasi alles schon gezeigt, dass da einfach der Fokus nicht war. Und auch das ist quasi so aus diesem Ursprung entstanden, dass man sich das gar nicht früher vorstellen konnte, dass Mobilität irgendwann mal für alle zugänglich sein sollte oder dass das überhaupt irgendwie zugänglich sein sollte. Und erst als dieser... in der Elektromobilität oder Elektroautos dieser Tech- und dieser Lifestyle-Faktor eine größere Rolle gespielt haben, dann hat sich auch so ein Wandel ergeben und Männer haben das Thema für sich entdeckt. Und zwar sogar so erfolgreich, dass ich glaube, mittlerweile mehr als 90% der Elektroautokäufer männlich sind. Und deswegen... Was man da auch noch betrachten muss, aufgrund dessen, dass so viele Männer Elektroautos kaufen, haben Frauen auch überhaupt keine Möglichkeit, sich irgendwie auszutauschen. Weil für uns beim Autokauf einfach andere Faktoren wichtig sind. Du hast vorhin schon gesagt, eigentlich muss man nur von A nach B kommen. Bestenfalls verstaue ich meine Einkäufe und wenn ich ein Elektroauto habe, dann muss ich das irgendwo laden können. Und da sind wir schon wieder bei so einer Krux. Weil für Männer, wenn die zur Arbeit fahren und zum Beispiel der Arbeitgeber hat Ladesäulen und eine Ladeinfrastruktur, stöpsel ich da mein Auto an, dann gehe ich acht bis zehn Stunden arbeiten. Wenn ich zurückkomme, ist das Auto geladen und ich habe keine Probleme. Ich würde jetzt auch mal die Hypothese in die Welt hinaus stellen, wenn ich als Mann von München nach Stuttgart fahre und ich muss zwischendrin laden, dann habe ich nicht so viele an der Tankstelle mein Auto anzustöpseln und da zu laden. Aber, das ist auch mal ganz interessant, hast du schon mal darauf geachtet, wo die Ladesäulen stehen bei Tankstellen, vor allem an der Autobahn?

  8. Sebastian:

    Meistens irgendwo im letzten Eck dunkel und nicht außerordentlich gut beleuchtet. Das ändert sich glücklicherweise mittlerweile, aber die Erfahrung habe ich schon gemacht.

  9. Maike Wenzel:

    Ja, ganz genau. Und das ist halt auch nochmal für eine Frau, die allein unterwegs ist, die vielleicht mit dem Kind unterwegs ist, die wird sich niemals in der Elektroauto anschaffen, wenn sie vorher nicht ganz genau weiß, wo kann ich es laden, kann ich sicher laden, ist das überhaupt sicher? Und deswegen spielen auch so Dinge, wir hatten es auch bei dieser Veranstaltung, da hatten wir ja zwei unterschiedliche Vorträge zur Laderinfrastruktur, ist diese Diese Aufstellung von Ladeinfrastruktur an den sogenannten Customer Touchpoints, also da, wo sich die Leute tatsächlich befinden, unglaublich wichtig. Das heißt an Supermärkten, vielleicht an Freizeitanlagen, wo man die Kinder hinfährt und dann bleibt man vielleicht auch mal für ein Fußballspiel dort, 90 Minuten oder 20 Minuten, zack, Auto aufgeladen, passt perfekt. Weil, wie ich vorhin schon gesagt habe, diese Reichweite, wo momentan ja ganz viel dran getüftelt wird und mit der auch vermarktet wird, mit der neuen Batterie kann dieses Auto 500 Kilometer fahren, ohne zu laden. Das ist für, sag ich mal, 50 Prozent der Welt, wenn nicht 50 Prozent, sind nämlich Frauen ungefähr, ist überhaupt gar nicht so wichtig, so aussagekräftig, sondern es ist wichtiger, dass ich immer zu jeder Zeit da laden kann, wo ich mich befinde.

  10. Sebastian:

    Das heißt ja beim Umkehrschluss, wenn wir das mit deinen Zahlen dazu zusammenbringen, der Absatzmarkt ist ja noch riesig, weil die Frau an sich wird ja relativ wenig angesprochen, sei es jetzt von der Ladeinfrastruktur, wo sich jetzt Ladeinfrastrukturaufbauer ein Beispiel nehmen können, um das entsprechend zu platzieren, aufzubauen. Da gibt es ja auch gute Beispiele, Fastnet beispielsweise, die wunderbare, helle Ladeparks dann da auch aufmachen. Und ich meine mittlerweile auch einen Wandel zu sehen, dass wir nicht mehr immer nur im hintersten Eck unterwegs sind mit den Lademöglichkeiten. Aber klar, da muss man auch erstmal nachholen und lernen. Und zum anderen natürlich von den Fahrzeugen, wo ich dann einfach auch mit anderen Argumenten daherkommen muss, wo es dann eben nicht darum geht, okay, hier 500 Kilometer am Stück fahren und trotzdem noch Kapazität im Akku haben, sondern dann wahrscheinlich auch eher da ein Stück weit mehr ausgerichtet, okay, das Stadtfahrzeug fährt. dass vielleicht anderen Ansprüchen gerecht wird, wie genügend Stauraum im Kofferraum für Einkäufe, für Besorgungen, für Transferfahrten, so in die Richtung.

  11. Maike Wenzel:

    Ganz genau. Also du hast es auch schon angesprochen. Ich finde, das ist immer so ein Das ist immer so ein Riesenthema, weil ich finde halt, und klar kann ich das so einfach sagen, weil ich bin eine Frau und ich sehe das halt direkt. Aber wenn man das mal von der unternehmerischen Seite betrachtet ist, wenn man faktisch bis zu 50 Prozent des Marktes nicht anspricht oder davon ausgeht, dass man eine One-Size-Fits-All-Lösung hat für alle, ist das einfach auch nicht ganz klug. weil da ein riesen Absatzmarkt einfach verloren geht. Und wenn wir das jetzt nochmal auf die Elektromobilität beziehen und nicht nur auf Elektroautos, weil Elektromobilität bedeutet ja alles, was möglich ist, das heißt nicht nur Elektroautos, sondern auch diese ganze Mikromobilität, die es gibt, diese E-Scooter, die E-Tretroller und so weiter, dann verliert ja, dann vernachlässigt man einen Riesenmarkt. Und auch das ist zum Beispiel sehr stark statistisch belegbar, dass nämlich Frauen deutlich nachhaltigere Mobilitätsentscheidungen treffen als Männer und auch bei weitem mehr bereit dazu sind, für nachhaltige Lösungen, die auf ihre Bedürfnisse passen, mehr zu zahlen. Das heißt, man muss sich dann auch als Mobilitätsanbieter gar nicht so sehr die Gedanken machen, wie kann ich das Angebot attraktiv machen, preislich attraktiv machen und so weiter und so fort, sondern man muss sich einfach seine Nutzergruppen anschauen und da komme ich jetzt wieder so ein bisschen zurück in das Thema, in dem ich mich auch sehr stark beschäftige, nämlich die Customer Centricity. Wenn man sich einfach mal die unterschiedlichen Nutzergruppen anschaut im Markt und sich dann überlegt, welche Mobilitätsbedürfnisse haben denn diese unterschiedlichen Nutzergruppen, und danach dann eben entsprechend die Produkte ausrichtet und entwickelt, hat man meiner Meinung nach massives Potenzial.

  12. Sebastian:

    Du hast ja auch im Vorhinein, gerade wenn wir jetzt in diesem Umfeld Mikromobilität unterwegs sind, ein Beispiel genannt, wo ein Unternehmen auch ganz gut gezeigt hat, wie man dieses Potenzial auch nutzen kann, wenn man das dann auch offensiv angeht, wo vielleicht jetzt auch andere Unternehmen davon lernen können, wenn sie zuhören. Vielleicht magst du das hier gerade nochmal aufgreifen, das Beispiel.

  13. Maike Wenzel:

    Ja, sehr gerne. Genau, also das Beispiel geht auch so ein bisschen darauf, dass man eben die Kundengruppen betrachtet und im Idealfall werden eben diese verschiedenen Perspektiven schon bei der Produktentwicklung mit einbezogen, bevor das Produkt auf den Markt kommt. Und das Beispiel, das du angesprochen hast, wie ein Mobilitätsanbieter seinen Kundinnenstamm erweitern konnte, auf Basis von Berücksichtigungen von individuellen Bedürfnissen, ist das Berliner Startup Tier. Ich glaube, das kennen sehr viele. Ich sehe jetzt auch immer mehr von diesen Moped- und E-Tretrollern in München. Und dieses Startup bietet, glaube ich, diesen Sharing-Service in München, in zehn Ländern an und 30 Prozent der Kundschaft sind weiblich. Kann man jetzt sich überlegen, ob das gut oder schlecht ist und ob das vielleicht dann auch nicht einfach die Zielgruppe ist. Aber in Berlin auf jeden Fall haben vier Tiermitarbeiterinnen gesagt, 30 Prozent bei so vielen Frauen in Berlin ist viel zu wenig. Und dann haben sie mit der Unterstützung der Geschäftsleitung die Initiative Women of Tier gegründet und haben eben innerhalb des Unternehmens diesen Geschlechterunterschied oder Geschlechterunterschiede, was die Mobilität angeht, öffentlich gemacht und nach Wegen gesucht, ihn auszugleichen. Und einer dieser Wege war, dass sie frauenspezifische Angebote entwickelt haben, wie zum Beispiel erste Moped-Praxistrainings, weil auf diesen Mopeds kann man zum Beispiel auch zu zweit tatsächlich fahren. Also sie sind dafür ausgelegt, dass zwei Personen auf diesem Moped fahren. Und für diese Praxistrainings war die Resonanz riesig. Also es haben sich super viele Leute angemeldet. Es kamen, glaube ich, 40 oder 50 Prozent mehr, als sich angemeldet hatten. Und dann wurde den Teilnehmerinnen von diesem Praxistraining eben erklärt, wie man das Moped verwendet, wie man das abstellt, wie man drauf fährt, wie einfach alles relativ sicher ist und wie man sich dann im hektischen Berliner Verkehr so ein bisschen zurechtfinden kann. Nach dieser Einweisung haben die Frauen auf einem Parkplatz ihre ersten Runden mit den Mopeds gedreht. Ein paar hatten sogar ihre Kinder mitgebracht, um im geschützten Umfeld das Fahren zu zweit zu testen. Ein paar haben Einkäufe mitgebracht, weil sie gedacht haben, wenn ich dieses Moped verwende, dann wenn ich einkaufen fahre und haben das da mitgetestet. Und was dann eben Tier herausgefunden hat, ist, dass das Training enorm diese Hemmschwelle abgebaut hat, die Frauen statistisch gesehen einfach haben, wenn es um neue, ungewohnte Mobilitätsangebote geht. Und viele der Frauen, die sich dafür dieses Training angemeldet haben, nutzen seitdem auch die Mopeds. Das hat dann nämlich das Unternehmen getrackt und deswegen sollen diese Trainings auch weiterhin beibehalten werden. Und das zeigt einfach nur, also wirklich ein reales Beispiel, nicht nur aus der Theorie gesprochen, dass wenn man sich wirklich mal darauf einlässt, auch auf individuelle Gruppenbedürfnisse einzugehen, dass es wirklich was hilft. Also dass man da dann auch was dabei erreichen kann.

  14. Sebastian:

    Und bin gespannt, hoffe, dass einige Unternehmen zugehört haben, die sich das zu Herzen nehmen, die das bei ihrer Marktbetrachtung dann auch ein Stück weit in Betrachtung ziehen, mit einbringen und wir dann eben noch mehr Mobilitätswandel in Zukunft erfahren dürfen, weil man eben näher an der Zielgruppe dran ist. Vielen Dank für deine Zeit, Maike. Ich danke dir. Definitiv mal ein bisschen anderes Thema hier im Elektroauto News 100 Podcast, aber nicht minder interessant, wie ich finde. Vor allem, wenn man damit Stellhebel gefunden hat, um den Mobilitätswandel voranzutreiben. Insofern hoffe ich, ihr habt gut zugehört, habt einiges mitgenommen und blickt das nächste Mal auch auf die Welt aus einer anderen Brille, wenn es denn um Veränderung geht oder um Wandel. Von daher vielen Dank fürs Zuhören, mach's gut, bis zur nächsten Folge, kommenden Sonntag. Ciao.