Albin Kälin: Müssen von linearem zu zirkulärem Denken kommen

Im Gespräch mit Albin Kälin, Geschäftsführer von epeaswitzerland

In der heutigen Zeit, wo die Rufe nach Nachhaltigkeit immer lauter werden, hebt sich der Cradle-to-Cradle-Ansatz als revolutionäres Konzept ab, das das Potenzial hat, unsere industriellen Prozesse und unseren Umgang mit Ressourcen grundlegend zu verändern. In diesem Podcast-Gespräch mit Albin Kälin, Geschäftsführer von epeaswitzerland, dreht sich alles um das Thema Mobilität aus einer anderen Perspektive: der Umgang und die Nachhaltigkeit von Materialien.

Cradle to Cradle, wörtlich übersetzt "Von der Wiege zur Wiege", ist ein Designkonzept, das von William McDonough und Michael Braungart in den späten 80er-Jahren entwickelt wurde. Es basiert auf der Idee, Produkte so zu gestalten, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus entweder als biologische Nährstoffe in die Umwelt zurückgeführt oder als technische Nährstoffe vollständig in neue Produktionskreisläufe reintegriert werden können. Diese Vision, die auf drei grundlegenden Prinzipien basiert – Abfall ist Nahrung, Nutzung von Sonnenenergie und Förderung der Diversität –, zielt darauf ab, einen positiven Fußabdruck zu hinterlassen, anstatt lediglich den negativen zu minimieren.

Albin kritisiert das aktuelle lineare Wirtschaftsmodell, das auf dem Prinzip "Von der Wiege zur Bahre" basiert, für seine Kurzsichtigkeit und Ineffizienz. Die Begrenztheit der Ressourcen, die Toxizität vieler verwendeter Materialien und die Endlichkeit unseres Planeten machen ein Umdenken unumgänglich. Die Cradle to Cradle Philosophie erkennt diese Herausforderungen an und bietet gleichzeitig einen Ausweg, der nicht nur nachhaltig, sondern auch zukunftsfähig ist.

Innovation spielt eine zentrale Rolle im Cradle to Cradle-Ansatz. Produkte und Prozesse müssen von Grund auf neu gedacht werden, um eine echte Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen. Albin hebt hervor, wie wichtig es ist, über den Tellerrand hinauszublicken und kreative Lösungen zu finden, die sowohl ökologisch als auch ökonomisch nachhaltig sind. Ein Beispiel hierfür ist die Marke Frosch, die eine kreislauffähige Verpackung entwickelt hat, die als leuchtendes Beispiel für das, was möglich ist, dient.

Die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert das Engagement aller Stakeholder. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Konsumenten, Gesetzgeber und Bildungseinrichtungen müssen sich beteiligen. Albin betont, dass ein kollektives Umdenken und Handeln erforderlich ist, um die notwendigen Veränderungen herbeizuführen. Der Cradle to Cradle Certified Zertifizierungsprozess bietet dabei eine strukturierte und transparente Methode, um Unternehmen zu unterstützen und zu belohnen, die sich auf diesen Weg begeben.

Das Gespräch mit Albin macht deutlich, dass der Cradle to Cradle-Ansatz mehr als eine nachhaltige Praxis ist; er ist eine Philosophie, die darauf abzielt, die Art und Weise, wie wir über Produktion, Konsum und Abfall denken, zu verändern. Es ist ein Aufruf zum Handeln, der zeigt, dass eine positive Zukunft möglich ist, wenn wir bereit sind, alte Gewohnheiten abzulegen und mutig neue Wege zu beschreiten.

Die Botschaft ist klar: Nur durch Innovation, Kooperation und den Mut, bestehende Systeme in Frage zu stellen, können wir eine Welt schaffen, die nicht nur überlebensfähig, sondern auch lebenswert ist. Mit Albin sind wir auch auf das Thema Nachhaltigkeit in der Automobilindustrie eingegangen. Doch das hörst du dir am besten selbst an.

Shownotes:

Edit speaker mapping

Change displayed names for speaker IDs in this transcript.

Transcript

  1. Intro:

    Elektroauto News. Der Podcast rund um das Thema Elektromobilität. Mit aktuellen Entwicklungen, Diskussionen, Interviews und vielem mehr.

  2. Sebastian:

    Servus und herzlich willkommen bei einer neuen Folge des ERN-Podcasts. Ich bin Sebastian und freue mich, dass du heute wieder mit am Start bist. Heute geht es auch mal wieder um das Thema Mobilität, allerdings nicht so stark ausgeprägt auf den Antrieb oder auf ein spezielles Modell, sondern um die Nachhaltigkeit von E-Mobilität von Autos im Alltag und da eben im Hauptfokus auf die Materialien, die verbaut werden. Immer mehr Unternehmen kommen auf den Trichter, nachhaltige Materialien wie beispielsweise Textilien aus PET-Flaschen zum Einsatz zu bringen. Doch wie nachhaltig ist nachhaltig eigentlich in dem Fall? Hierzu habe ich mir einen Spezialisten eingeladen. Albin Kälin ist zu Gast. Seines Zeichens Geschäftsführer von der epeaswitzerland. Ein Unternehmen, das den sogenannten Cradle-to-Cradle-Ansatz verpflichtet hat. Von der Wiege zur Wiege. Das heißt, wie kann Material bestmöglich wiederverwendet werden? ohne Abstriche hinnehmen zu müssen. Und da muss man direkt anmerken, die Industrie muss umdenken. Komplett global. Aber das kann Albin am besten ausführen. Von daher gehen wir direkt rein ins Gespräch mit ihm. Viel Spaß damit. Hallo Albin, vielen Dank, dass du heute beim ERN-Podcast zu Gast bist. Heute geht es auch um das Thema Mobilität, aber auch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet sozusagen. Und zwar aus dem Ansatz der Materialien. Was geschieht damit? Wie geht man mit Materialien richtig um? Bevor wir da allerdings tiefer in das Thema eintauchen, stell dich doch gerne mal unseren ZuhörerInnen vor und verliere ein paar Worte über deine Person. Vielen Dank.

  3. Albin Kälin:

    Vielen Dank Sebastian, vielen Dank für die Einladung. Mein Name ist Albin Kehlin, ich bin Inhaber und Geschäftsführer von epeaswitzerland. Wir sind akkreditierter Gutachter für die Cradle-to-Cradle-Certified-Zertifizierung. Wir arbeiten mit Firmen an dem Thema, kreislauffähige Produkte zu machen und das ist eigentlich ein Thema für die Zukunft. Worum geht es? Es geht nicht nur um das Thema Nachhaltigkeit, weil Nachhaltigkeit impliziert auch reduzieren, minimieren, verzichten und am Schluss Schuldgefühle haben, sondern Cradle to Cradle ist ein anderer Ansatz. Es ist ein positiver Ansatz. Und worum geht es? Es geht nicht um dieses Wirtschaften, wie wir das heute tun, Cradle to Grave, von der Wiege zur Bahre, sondern es geht darum, eine Cradle to Cradle- Entwicklung zu machen, das heißt von der Wiege zur Wiege, wie ein Kreislauf oder wie Zirkularität. Warum ist das wichtig? Weil dieses lineare Wirtschaften, was wir heute tun, hat keine Zukunft. Warum sagen wir das? Es geht darum, dass wir mit diesem Wirtschaften heute für die kommenden Generationen nicht genügend Rohstoffe mehr zur Verfügung haben und die meisten Rohstoffe, die wir zur Verfügung stellen, sind auch noch giftig oder toxisch. Und das muss kolossal geändert werden. Das ist auch eine Verantwortung, die wir als Gesellschaft übernehmen müssen. Weil das ist wichtig. Die kommenden Generationen brauchen Rohstoffe, um Produkte machen zu können. Was für Produkte sie machen werden, das ist denen ihre Entscheidung, aufgrund von ihren persönlichen Werten. Aber es ist wichtig, diese Rohstoffe zu erhalten. Weil es gibt nur einen Planeten.

  4. Sebastian:

    Das ist eine sehr gute Aussage deinerseits. Und auch klar, die Rohstoffe sind begrenzt. Wir können auch alles sozusagen nur einmal verwenden, solange wir eben diesen linearen Ansatz verfolgen, den du ja auch erwähnt hattest, Cradle to Grave. Jetzt sagst du Cradle to Cradle ist der Weg, den man einschlagen sollte. Kreislaufwirtschaft, also ein Material, was man schon mal zum ersten Mal benutzt hat, dann auch noch ein zweites, drittes, viertes Mal zu benutzen. Wer ist denn so ein typischer Kunde von euch? Was beratet ihr denn dann sozusagen? Um da heranzuführen, ist das was, wo ihr aktiv auf Kunden rangeht und dann sagt, oh, das könnte man mal anders denken oder ist das tatsächlich so, dass sich bei den Kunden dann auch das Verständnis mittlerweile einstellt zu sagen, wir müssen daran was ändern?

  5. Albin Kälin:

    Ich möchte vielleicht ein bisschen weiter ausholen. Das Konzept ist nicht jetzt einfach neu, sondern das ist ein Konzept, das ist über 30 Jahre alt. wurde von zwei Menschen quasi definiert. Ein amerikanischer Architekt William McDonough und ein deutscher Chemiker Professor Michael Braungart. Die haben das Ende 80er Jahre definiert, eine Vision, wie die Zukunft sein sollte. Und diese Vision basiert auf drei Prinzipien. Und diese drei Prinzipien sind unverändert geblieben. Nur man hat es eben nicht verstanden, weil der Zeitgeist nicht da war, um es wirklich zu verstehen. Und ich möchte vielleicht kurz diese drei Prinzipien erklären, weil dann versteht man, ob dieses Konzept heute wirklich Sinn macht oder nicht.

  6. Sebastian:

    Ich mache das sehr gerne.

  7. Albin Kälin:

    Okay, danke. Das erste Prinzip ist, mach es vor wie die Natur. Die Natur kennt keinen Abfall. Also Produkte so zu definieren, zu designen, dass quasi die Materialien, die eingesetzt werden, einerseits nicht giftig sind und andererseits in mehreren Kreisläufen in unveränderter Qualität geführt werden können. Es gibt zwei Kreislaufkonzepte, eines biologischer Kreislauf, Und das zweite Konzept ist technischer Kreislauf. Kurz erläutert, biologischer Kreislauf, da ist das Thema, dass wir global ein Thema haben, dass die Biomasse schrumpft und die Landwirtschaft schafft es nicht, diesen Schrumpfungsvorgang zu stoppen. Deshalb brauchen wir in der Vision von Cradle to Cradle, brauchen wir auch industriell produzierte Produkte, die in biologische Kreisläufe geführt werden können. Die Komplexität hier ist die Chemie, das heißt alle Elemente, die drin sind, sind das jetzt Chemikalien, sind das Farbstoffe, die Materialien selber müssen sicher für biologische Systeme sein. Ein Problem, was wir heute haben, ist, dass die Gesetze es noch nicht erlauben, obwohl es jetzt schon 30 Jahre her ist. Das zweite Thema, technischer Kreislauf, also Materialien, die nicht biologisch geführt werden können, wie zum Beispiel Metalle oder Kunststoffe, die nicht biologisch abbaubar sind. Da brauchen wir eine Technologie, die quasi diese Materialien aufbereiten können, dass man die wieder reintegrieren kann in die Lieferketten. So, das ist das Thema Material. Das zweite Thema ist Energie. Und das Thema Energie ist einfach definiert worden. Wir haben genügend Energie auf diesem Planeten von der Sonne. Wir haben einfach die Technologie noch nicht da, um quasi dieses zu bewerkstelligen. Mittlerweile 30 Jahre her, also wir haben schon einen Schritt gemacht, aber noch nicht so weit. Das heißt, Cradle to Cradle fordert seit über 30 Jahren 100% erneuerbare Energie und kein Verbrennen von fossilen Brennstoffen. Und das dritte Element ist Diversität. Also nicht nur Biodiversität. Heute, glaube ich, ist das allen bekannt. Biodiversität, das ist ein wichtiges Thema. Es geht aber auch darum, ein Gleichgewicht zu schaffen mit den Rohstoffen. Wie gehen wir mit den Rohstoffen um auf diesem Planeten? Und es geht auch darum, ein Gleichgewicht zu schaffen und wir als Menschen, die diesen Planeten bevölkern, mit diesem Planeten umgehen. So, das sind die drei Prinzipien. Heute wird es verstanden, dass diese drei Prinzipien, und die haben sich nicht verändert, dass das eigentlich wirklich eine Vision ist, die zukunftsfähig ist für eine moderne Gesellschaft und die Umwelt. Also es geht nicht um das Thema reduzieren oder schlechter machen, es geht um dieses Thema positiv zu definieren, um es zukunftsfähig zu machen für eine moderne Gesellschaft und Umwelt. Für die Umwelt. Und das ist der Schlüssel. Und jetzt, es ist ein anderes Denken. Das muss man verstehen. Das muss man wahrnehmen. Und jetzt auf die ursprüngliche Frage, hat jetzt ein bisschen länger gedauert, aber es ist wichtig, es zu verstehen. Für Firmen ist es wichtig, man kann dieses Thema nur lösen über Innovation. Weil was ist das Problem? Das Problem ist, von diesem linearen Aspekt ist am Ende immer ein Abfalleimer. Und viele denken ja, aus dieser Linie kann ich einen Kreis machen. Ja, aber der Abfalleimer ist immer noch da. Und den Abfalleimer kriegt man nur weg über Innovation. Und hier gibt es ein paar Beispiele, das sind Löchstürme mittlerweile, die aufzeigen, dass es geht. Von Konzepten, wo es am Anfang geheißen hat, das geht nicht, das funktioniert nicht, das wird nie funktionieren. Und eines ist von der Marke Frosch. Ich glaube, die kennt jeder. Das ist eine Verpackung, ein Nachfüllbeutel, der ist mittlerweile millionenfach in den Gestellen. Und das ist die erste kreislauffähige Verpackung, die auch Cradle to Cradle Certified Gold zertifiziert ist. Da verändern wir komplett die Produkte, die auf dem Markt erhältlich sind. Die Frage ist, inwieweit das andere dann auch übernehmen werden, diese Entwicklung. Aber das ist eigentlich der Ansatz. Dann gibt es unterschiedliche Beispiele im Bodenbelag, zum Beispiel mit Holz. Wie kann ich Beschichtungen auf Holz aufbringen, Klebstoffe? Wie kann man diese Böden zum Beispiel kreislauffähig machen? Wie kann man die loslösen und nicht nur eine nachwachsende Ressource, wie zum Beispiel eine Eiche, die 100 Jahre alt ist, oder 100 Jahre braucht, bis sie ausgewachsen ist, wie kann man quasi Parkettböden, die 25 Jahre halten, eine Generation quasi auf vier Generationen ausweiten. Und wo das Thema Materialgesundheit, das ist uns wichtig, dass es nicht giftig ist und dass die Qualität der Produkte erhalten bleibt. Das sind Konzepte, die wir umsetzen. Dann gibt es viele Beispiele im Textil, aber es gibt natürlich viele andere Beispiele auch im Metallbereich, Und natürlich im Kunststoffbereich. Und das sind riesige Themen. Was ist eigentlich das Hauptthema? Wir haben 20 Jahre gebraucht, um wirklich auch Materialien zu definieren, zu entwickeln, die in diese Kreislaufkonzeption hineingehören, die passen, die eben zukunftsfähig sein können. Warum? Weil die anderen hat eben auch mit einer anderen falschen Denke entwickelt worden. Das ist nicht als Kritik, sondern einfach als Feststellung, als Fakt. Und darum auch dieses Thema, auch die Materialien müssen Innovationen erfordern, um überhaupt eingesetzt werden zu können. So, und jetzt sehen wir, wo ist diese Verbindung mit diesen Themen, die wir am Anfang genannt haben, mit einerseits Materialien, aber dann halt auch das Thema Mobilität oder Energie. So, und das ist schon sehr, sehr eng verknüpft. Das heißt, diese Konzepte, die wir heute quasi sehen, die da gemacht werden, ja, die sind nicht wirklich kreislauffähig, obwohl quasi ein Auto mittlerweile auch 98% rezykliert werden kann. Aber was ist die Qualität, die dabei rauskommt? Das ist ein Bleifuß, der macht es ziemlich schwierig.

  8. Sebastian:

    Das glaube ich auch. Das ist auch so, was wir mitbekommen, wenn wir uns das ganze Thema anschauen. Da kann man ja eh nochmal darüber diskutieren, ob das Auto an sich immer noch die Lösung für die Mobilität ist oder ob man da auch eben anders denken muss einfach schon mal. Wenn man das so sieht. Aber ganz kurz wollte ich das Beispiel mit Frosch aufgreifen, weil da hatte ich tatsächlich mal einen Podcast mit dem Gründer gehört, wo diese Denkweise auch nochmal ausgeführt wurde, wie der einfach komplett dieses Produkt gedacht hat und er hat ja auch selbst gesagt, man muss auch einfach mit gutem Beispiel vorangehen, wenn man etwas verändern will. Und auch wenn es sich vielleicht erstmal nicht rechnet auf ein Blatt Papier, man macht damit einen Unterschied und die haben es ja auch geöffnet, den Marktbegleitern sozusagen das anzubieten, das zu nutzen. Bisher ist es glaube ich immer noch Frosch, die das als einzige machen, zumindest ist das so meine Wahrnehmung, die ich habe. Und das ist eigentlich schade, weil dann doch immer alle sagen, sie wollen nachhaltig oder in dem Verständnis, was du jetzt hast, Cradle to Cradle denken. Aber gelebt wird es halt nicht, sobald es an den eigenen Geldbeutel geht. Und das ist doch schade. Und das ist, glaube ich, auch genau das Thema, was beim Fahrzeug dann ein Stück weit zum Verhängnis wird, weil man zwar nachhaltig Cradle to Cradle denken möchte, aber... Aber man beschränkt sich in der Innovation, weil man dann sagt, okay, der Geldbeutel ist vielleicht doch nicht so groß oder so tief, dass man da eben komplett anders denken kann. Ist das auch so die Wahrnehmung, die ihr habt?

  9. Albin Kälin:

    Also es ist die richtige Beurteilung. Das ist genau der Punkt. Und wir müssen auch dieses Thema Mobilität neu denken. Und auch offen sein dafür. Es geht auch um dieses Thema moderne Gesellschaft. Aber wir müssen sehr aufpassen. Wir müssen aufpassen, dass wir den Fokus wirklich setzen auf Rohstoffe. Heute wird der Fokus primär gesetzt auf CO2. Aber wenn wir 100% erneuerbare Energie haben und kein Verbrennen von fossilen Brennstoffen, dann ist das eine andere Welt. Und die Rohstoffe sind unwiederbringlich verloren. Das ist ein Thema, das muss uns einfach wirklich bewusst werden, dass das eine Priorität erlangen muss. Und egal, welche Produkte wir machen, die können überall, egal in welchen Produkten, nachher mit eingesetzt werden. Also wenn das halt Mobilitätsthemen sind. Wir haben auch Projekte begleitet, wo wir das versucht haben, ob das überhaupt möglich ist. Wir waren schon an Veranstaltungen, wo große Automobilhersteller präsentiert haben und ihre ganzen Lieferkettenproblematiken dargestellt haben, das ja nicht ganz so trivial ist, wie man erkennt. Aber wir haben denen eigentlich zum Verstehen gegeben, Automobil ist nicht die komplexeste Lieferkette, die ist im Textil. Und da waren die ziemlich schockiert. Und dann haben wir einfach geantwortet, ja, denkt mal nach, wie viel Textil ist in einem Automobil. Also wenn man über Airbag, Dachhimmel, aber auch diese ganzen Kunststoffthematiken, da kommt ja vieles eigentlich aus diesem Textilbereich auch mit raus. Oder diese Faserverstärkungen. Carbon etc. Also wir müssen uns hier anders öffnen. Wir müssen neue Wege gehen. Wir müssen auch neue Wege gehen können, um die Materialien so auszuwählen, dass sie eben auch neue Wege ermöglichen, auch neue Wege von der Mobilität ermöglichen. Und natürlich muss man auch in dem Zusammenhang das Thema Batterie ansprechen. Also hier diese Gedanken mit reinzunehmen von Cradle to Cradle in die Konzeptionen von Batterien, das ist eine schwierige Kiste, keine Frage. Da geht es um seltene Erden, da ist wirklich ein Spielfeld. Aber hier brauchen wir auch Lösungen, um diese Rohstoffe mehrere Male nutzen zu können. Und das ist nicht trivial. Darum auch die Forderung, wir brauchen hier Innovation, wir brauchen auch hier ein anderes Denken. welche Konzeptionen für uns in der Zukunft die richtigen sein werden.

  10. Sebastian:

    Die Frage dazu, also wenn man jetzt gerade im Automobilbereich unterwegs ist, dann kriegen wir ja da auch immer neue Modelle vorgestellt. Und dann ist so ein typisches Beispiel dafür, was an Materialien gemacht wird. Ja, wir haben da jetzt eine neue Innenraumausstattung, die ist aus alten PET-Flaschen recycelt. Ist das schon so ein Ansatz, der in die Richtung geht, Cradle to Cradle? Oder sind wir da immer nur, ist das eher idealistisch sozusagen, aber eigentlich der Sache gar nicht zuträglich?

  11. Albin Kälin:

    Jetzt habe ich einen kleinen Surf, den ich machen muss. Also aus unserer Sicht ist dieses Thema Recycling ist Downcycling. Also wir verlieren grundsätzlich Qualität. Und es gibt zwei Elemente, die wichtig sind. Das eine ist Materialgesundheit. Das fordert auch die Politik mittlerweile mit dem New Green Deal. Das ist eine der drei Komponenten. Und das zweite ist Kreislauffähigkeit, dass wir die Rohstoffe eben im Kreislauf führen können. Jetzt dieses Thema PET, das allen bekannt ist, oder Polyester. Also es geht einerseits um Verpackungen, aber es geht andererseits um das Thema Textil. Und der große Teil sind nicht die Verpackungen, sondern ist Textil. Das ist ein riesiger Teil. Berg von Rohstoffen. Da gibt es über 70 Millionen Tonnen werden pro Jahr produziert. Das ist unglaublich viel. Und es ist eine globale Produktion. Also diese Sicht darf man nicht einfach nur jetzt auf Europa haben, sondern muss das global sehen. Es werden, glaube ich, noch 2% werden in Europa produziert. Also damit man ein bisschen die Dimension erkennt. So, und was eigentlich das Problem ist, ist, dass in diesen Kunststoffen heute immer noch mehrheitlich ein Katalysator eingesetzt wird, um diesen Kunststoff überhaupt herzustellen. Und dieser Katalysator ist ein Schwermetall, heißt Antimon, ist krebserregend und migriert, das heißt erwandert. So, und da hat Cradle to Cradle ein Problem. Die Behörden, und da sprechen wir auch von Behörden, würde ich sagen, Europa und von den USA, die haben das freigegeben für Food Grade, das heißt für Lebensmittel kompatibel. In Japan als Beispiel ist das verboten. Also wir sehen hier diese Spannung, die da entsteht von einer Beurteilung, was ist okay, was ist nicht okay, was ist giftig, was ist nicht giftig. Das ist ein Prozess, der geht mittlerweile enorm voran, weil, wie ich schon erwähnt habe, die Politik, die EU-Kommission hat sich verpflichtet, dass sie dafür besorgt sein will, ein toxic-free environment, also eine schadstofffreie Umwelt zu schaffen, das heißt auch die Produkte. Und erstaunlicherweise kommen jetzt plötzlich Chemikalien auf die Verbotsliste wie PTFE, PFAS, das unter anderem Name Teflon, das ist überall drin, das ist plötzlich verboten. Und das Interessante ist, dass es auch in den USA plötzlich verboten ist. Das heißt, die Regulatorien beginnen hier plötzlich strengere Maßstäbe zu setzen. Darum ist es wichtig für die Industrie, und kommen wir auf die Industrie zu sprechen, weil das sind die, die die Produkte nachher auch machen. Das sind auch die, die dadurch eine ganz besondere Verantwortung übernehmen müssen, dass das Zeugs gute Qualität ist, aber eben auch nicht giftig ist. Und die sind jetzt enorm unter Druck. weil man weiß nicht, ob plötzlich in ein paar Monaten oder in ein, zwei, drei Jahren plötzlich Substanzen, die sie einsetzen, verboten sind. Und da hilft dieser Ansatz von Cradle to Cradle. Also es ist ein anderes Denken. Wir haben 30 Jahre Erfahrung in diesem Thema. Das heißt, wir können Orientierung geben. Das ist wichtig. Nicht einfach nur von dieser Linie einen Kreis machen und dann sagen, es ist Kreislauf, sondern wir versuchen eben diesen Abfalleimer umzusetzen quasi zu entsorgen und quasi Rohstoffe dafür sichtbar zu machen. Das ist eigentlich der Weg, den wir angehen, den wir versuchen umzusetzen. Und es erfordert einfach extreme Anstrengungen. Einerseits dieses Thema Materialgesundheit, das heißt die ganze Wissenschaft mit einzubeziehen, die ganze Chemie. Dann die Kreislauffähigkeit der Produkte, die bei den meisten nicht gegeben ist. was eine Realität ist heute leider, weil das falsche Design dahinter steckt. Es geht aber auch darum, quasi den Konsumenten mit einzubeziehen. Und es geht darum, diese Rohstoffe zurückzunehmen und zu reintegrieren in die Lieferkette. Das heißt, da ist sich die Industrie nicht gewohnt. Das landet irgendwo bei einem Recycler oder das landet vielleicht irgendwo. Aber die Frage ist, wie kann man das Ding auch wirtschaftlich machen? weil es muss ja irgendwo finanziert werden. Es sind auch gewisse Risiken da, die zusätzlich kommen für die Unternehmen. Das heißt, ich muss plötzlich ein Rücknahmekonzept etablieren. Wie mache ich das? Und wie kann ich sicherstellen, dass die Rohstoffe, die dann zurückkommen, die eigentlich meine Rohstoffe sind, wenn ich jetzt als Unternehmen denke, wie kann ich schauen, dass die wieder reintegriert werden können in meine Lieferkette? So, und dann kommt die nächste Problematik, wie will ich das quasi wirtschaftlich berechnen oder diese Wirtschaftlichkeit berechnen von einem Buchhaltungssystem, das auch linear ist. Und da haben wir zum Beispiel, da habe ich 1992, ich komme aus der Textilindustrie, ich habe das erste Cradle-to-Cradle-Produkt weltweit gemacht, das war 1992, habe ich ökologische Buchhaltungssysteme entwickelt und öffentlich gesagt, die Buchhaltung sagt nicht die Wahrheit. weil eben alles im Abfalleimer landet und das hat ja keinen Wert mehr. Wir haben Methoden entwickelt, wir nennen es Circle Accounting bei epeaswitzerland, wie man quasi diese Kreisläufe wirtschaftlich darstellbar machen kann. Wichtig ist es eben auch in diesen Projekten, die wir machen, dass wir aufzeigen können, es ist wirtschaftlich. Und darum geht es eigentlich. Wie kann man hier Sinn geben, dass möglichst viele Beteiligte daran interessiert sind, das zu tun. Nicht nur, weil es Gesetz wird. Das freut uns natürlich, dass es Gesetz wird. Das gibt uns ein bisschen Seitenwind, nicht nur Gegenwind, den wir immer gehabt haben über 25 Jahre, sondern es gibt dann plötzlich halt eben auch einen Markt, der danach verlangt. Und dann geht es eben auch um die Verantwortung, die wir haben als Gesellschaft, dass wir für die kommenden Generationen diese Rohstoffe überhaupt zur Verfügung stellen können, in ausreichender Qualität.

  12. Sebastian:

    Ja, ich muss erst auch mal seufzen oder schlucken. Das ist doch viel Input da jetzt gewesen, aber sehr wertvoller Input, um das ganze Thema auch ein Stück weit mehr zu greifen. Aber das zeigt uns ja im Endeffekt auch, es ändert ja offengesprochen eigentlich gar nichts, wenn jetzt nur eine Marke da anfängt, ein bisschen nachzudenken und was zu machen, weil das ganze System muss sich ja ändern. Also wir müssen ja gerade, um bei dem Beispiel Automobilhersteller zu bleiben… haben wir ja nicht das Thema, er kann da jetzt irgendein anderes Material einsetzen und er ist auf einmal nachhaltig oder er denkt das Ganze weiter, auch über die eine Phase weiter, sondern es muss ja in der Lieferkette komplett nach unten und dann auch wieder zurückgespielt werden. Ein ganz schön dickes Brett, was da zu bohren ist. Das heißt, diese Diskussionen sind ja zum einen wahrscheinlich auf Unternehmensebene zu führen, um denen zu sagen, okay, ihr könnt wirtschaftlich so einen Prozess abbilden, aber wenn ich jetzt gerade bei einem OEM bleibe von dem Bild her, der zig hunderte Lieferanten für die kleinsten Teile im Fahrzeug hat, der muss das ja auch komplett durchspielen. Ist das überhaupt schaffbar oder müssen wir da wirklich auch auf die Regulatorik vor allem pochen und dort beeinflussen, damit sich das im Großen und Ganzen ändert?

  13. Albin Kälin:

    Sehr gute Frage. Vielen Dank dafür. Also worum geht es primär? Wir sind nicht nur erzogen worden, linear zu denken, sondern auch unsere Systeme, in denen wir heute leben, sind alle mit linearem Denken entstanden. Und das macht es so schwierig. Das ist eigentlich das Primäre. Wie können wir quasi diese Barrieren quasi brechen, aufbrechen, dass wir hier zur Lösung kommen. Die eine Geschichte sind die Lieferketten, die mittlerweile versteht man es, dass das notwendig ist. Es ist ein Transformationsprozess, den die Industrie und die ganzen Lieferketten global quasi umsetzen oder müssen. Sie erkennen das. Wo wir aber Probleme auch haben, ist diese ganzen Kreisläufe zu schließen. Das heißt, es geht um diese Ganzheitlichkeit. Wir können mit diesen linearen Netzwerken, die heute vorherrschen sind in diesem System, das muss man zuerst auch transformieren. Das heißt, ein Recycler, der muss komplett anders arbeiten, damit er diese Rohstoffe zurück oder aufbearbeiten kann, damit die zurückgeführt werden können in guter Qualität. Und das ist die Schwierigkeit. Und das heißt, wir müssen auch andere Partnerschaften bilden, eine andere, sage ich jetzt mal, Qualität von Partnerschaft, die uns vielleicht heute nicht bekannt ist. Das heißt, wenn jemand etwas beiträgt in diesem Kreislauf von Akteuren, in diesem Netzwerk, dann sollte er für diese Dienstleistung oder diese Aktivität, die er hier erbringt, sollte er entsprechend kompensiert werden. Das heißt, es gibt eine komplett neue Definition auch, wie wir quasi die wirtschaftliche Ebene darstellbar machen müssen. Oder auch diese Situation, wenn diese Rohstoffe plötzlich zurückkommen in die Lieferkette und dort wieder reintegriert werden und es wieder neue Produkte gemacht werden können, dann sind die Rohstoffe nicht mehr Abfall, sondern die haben plötzlich einen anderen Wert. Und die Frage ist dann zentral, wem gehört denn dieser Wert? Der, der es einmal gekauft hat, also der Konsument, weil er irgendwann mal ein Produkt gekauft hat, dafür bezahlt hat. Das ist die eine Sichtweise. Oder gehört es der Industrie? Oder gehört es irgendeinem, der irgendeine Operation macht, wie zum Beispiel Recycling? Nein, man muss es anders verteilen. Und das wird neue Modelle geben.

  14. Sebastian:

    Jetzt hast du auch gesagt, wir müssen das alles neu denken. Wir dürfen nicht mehr in dieses Lineare, sondern wir müssen den Kreis denken. Wir müssen den auch leben, vor allem damit das funktioniert. Es muss darstellbar werden, die ganze Geschichte. Und da fiel immer das Wörtchen wir. Wer ist wir? Ist wir die Gesellschaft an sich? Oder es gibt ja in dem Sinne keine feste, Kein festes Institut, das das verändert. Das muss ja das Zusammenspiel aller sein.

  15. Albin Kälin:

    Also das ist richtig, genau. Nur so kann es funktionieren. Aber man muss das ja managen, oder? Man muss das ja quasi organisieren. Und hier gibt es die Möglichkeit in dem Cradle-to-Cradle-System. Da gibt es eine Organisation, das ist das Cradle to Cradle Products Innovation Institute für die Zertifizierung. Und es gibt solche, die diese Zertifizierung quasi begleiten. Das ist IPS Switzerland das Beispiel, da gibt es noch neun andere. Aber es geht darum, auch eben diese Firmen bei der Hand zu nehmen, um diesen Weg gehen zu können, diese Orientierung, die es braucht, damit wir diese Löchstürme schaffen können. Das ist eigentlich die zentrale Aufgabe. Und darum halt wir. Das ist ein Netzwerk von Leuten. Es geht um eine globale Betrachtung. Man kann das nicht einfach hier nur quasi global denken und lokal nutzen. Nein, das ist auch diese Denke. Wir müssen das wirklich global sehen. Wir müssen es global vernetzen. Wir können das nicht mehr anders tun. anders sehen. Sonst funktioniert das nicht. Wir müssen neueste Technologien einsetzen können, die global halt irgendwo entstehen. Und sonst wird es nicht funktionieren. Und man muss es halt eben auch quasi begleiten. Und das ist die Aufgabe, die wir jetzt für uns immer quasi festgeschrieben haben und wir haben damit auch großen Erfolg, weil wir viele Auszeichnungen kriegen, wie jetzt zum Beispiel dieser Beutel von der Marke Frosch.

  16. Sebastian:

    Da hast du uns, glaube ich, ganz gut abgeholt, Albin. Vielen Dank für die Eindrücke. Also ich weiß jetzt, wir sind gerade bei Minute 28. Ich könnte noch locker weitere 28 Minuten mit dir sprechen und noch darüber hinaus. Aber ich würde sagen, du kommst einfach nochmal vorbei, wenn wir das Thema ein Stück weit näher betrachten und nicht vielleicht noch ein paar Beispiele aus der Automobilindustrie mitbringen, dass wir da konkret mal dran gehen können. Ich möchte vielen Dank sagen für deine Zeit, für die Einblicke, die du uns gegeben hast und vor allem für deine Arbeit, die du eben auch dazu leistest, dass wir uns von der linearen zur Kreislaufwirtschaft hin entwickeln. Danke.

  17. Albin Kälin:

    Danke auch zurück. Sebastian, hat mir Spaß gemacht.

  18. Sebastian:

    Es war auf jeden Fall aus meiner Sicht eine sehr spannende Folge, die wir hier jetzt mit Albin am Start hatten, von dem Prinzip Cradle to Cradle gedacht, betrachtet. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich hier am Start war, da bin ich mir ganz sicher. Von daher dir vielen Dank fürs Zuhören heute wieder. Ich freue mich, wenn du kommende Woche beim nächsten Podcast wieder einschaltest. Mach's gut, bis dahin, ciao.